Das psychotische Uhrwerk


Ich sitze.

Ich sitze am Eingang der Station.

Ich sitze am Eingang der Station hinter der verschlossenen Tür.

Ich sitze am Eingang der Station hinter der verschlossenen Tür und beobachte Menschen.

Und ich beobachte die Uhr. Weil alles einen festen Ablauf hat.

Der ganze Tagesplan beruht auf feste Uhrzeiten.

Essenszeiten. Gruppenzeiten. Therapiezeiten. Ruhezeiten.

Ohne die Uhrzeiten wäre hier keine Struktur mehr.

Struktur, die man so vielen hier beibringen muss.

Also beobachte ich die Uhr. Bis beide Zeiger auf der 12 stehen.

Dann darf ich zum Mittagessen rufen.

Tagesstruktur habe ich schon früh gelernt. Schon bevor ich hierher kam. Aber erst nachdem ich krank wurde.

Für uns ist die Struktur wichtig. Überhaupt jede Struktur.

Die Regeln sind das wichtigste an der Struktur.

So habe ich meinen Tagesablauf, meine Regeln und sie können nichts dagegen unternehmen.

Sie geben mir Schlafmittel.

Wenn ich sehr nervös bin auch Beruhigungsmittel.

Dabei stellen sie damit nur mich ruhig, aber ändern nichts an meinem Wesen.

Sie beobachten mich. Tag und Nacht.

Äußerlich bin ich ruhig, solange ich die komplette Kontrolle habe.

Doch sie wollen mir diese wegnehmen.

Ich darf erst in der Morgenrunde den Tag planen.

Ich darf nicht mehr zählen.

Ich zähle alles. Bissen, die ich esse. Treppenstufen, die ich gehe.

Aber sie wollen mir diese Kontrolle nehmen.

Sie wollen nicht, dass ich die Kontrolle habe, weil sie mich kontrollieren wollen.

Überall können sie mich beobachten, durch die Glastür, die das Stationszimmer von meinem Überwachungszimmer trennt.

Überhaupt, Überwachungszimmer sagt ja schon, dass sie mich überwachen und beobachten, obwohl sie sagen, dass sie das nicht tun, dass sie das nur zu meiner Sicherheit mache.

Aber ich bin keine Gefahr für mich, denn die Gefahr sind sie.

Ich habe niemals gemordet oder jemandem Schmerzen zugefügt, nicht so wie sie. Ich sehe doch die schmerzverzerrten Türen, wie sie mich anschauen und um Erlösung flehen, ihre geschändeten und gepeinigten Seelen, die sich nur an gleichgesinnte wenden.

Ich sehe doch, wie jede Seele hier Hilfeschreie aussendet, die einzig und allein die Türen aufnehmen und sich davon ernähren.

Sie sehen doch unser Elend, überlassen uns doch uns selbst, greifen nur ein, wenn wir zur Gefahr werden, doch sind sie selbst unsere Gefahr.

Sie warten nur auf den geeigneten Augenblick um uns für immer weg zu sperren, um uns nie mehr frei zu lassen, um uns ein ewiges Leben hinter verschlossenen Türen aufzubürden.

Ich möchte frei sein, aber wie die Türen bin ich gefangen in einem Körper, sie erzählen es mir, erzählen mir ihre Geschichte, wenn ich mit dem Ohr an ihnen lausche.

Ich darf niemals meine Geschichte erzählen, erst wenn nur die Seelen zuhören, keine Pfleger, Ärzte, oder gar Menschen, nur Seelen dürfen eine solche Geschichte hören.

Verschlossene Türen in verschlossenen Räumen für verschlossene Seelen um nur einen Moment allein zu sein, um nur einen Moment mich mir hingeben zu können.

Niemals allein. Eingesperrt. Ein Toter schreit. Überall Blut.

Wohlige, warme schwärze fängt mich auf.

Die Uhr tickt nicht mehr, nicht ohne mich.

22.12.11 18:21

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen